Warum Wackeln gut für das Gleichgewicht ist

Wer auf einem Bein steht, wird kaum vollkommen ruhig bleiben. Der Fuss bewegt sich leicht, das Sprunggelenk korrigiert ständig nach und auch Hüfte und Rumpf gleichen jede kleine Gewichtsverlagerung aus. Genau so soll es sein.

Diese feinen Ausgleichsbewegungen sorgen dafür, dass der Körperschwerpunkt über der Standfläche bleibt. Ohne sie würden wir das Gleichgewicht deutlich schneller verlieren.

Jeden Tag balancieren wir, ohne darüber nachzudenken. Wir stehen morgens auf, ziehen die Hose im Stehen an, steigen Treppen, gehen über Kieswege oder fangen uns ab, wenn der Bus plötzlich bremst. Solange all diese Bewegungen selbstverständlich funktionieren, fällt kaum auf, wie komplex unser Gleichgewichtssystem eigentlich arbeitet.


Was beim Balancieren im Körper passiert

Damit wir aufrecht stehen können, verarbeitet das Gehirn laufend Informationen aus verschiedenen Quellen.

Die Augen zeigen, wo wir uns im Raum befinden. Das Gleichgewichtsorgan im Innenohr registriert Beschleunigungen sowie Dreh- und Neigebewegungen des Kopfes. Gleichzeitig melden Rezeptoren in Muskeln, Sehnen, Bändern und Gelenken, wie die einzelnen Körperteile zueinander stehen. Diese Wahrnehmung der eigenen Körperposition nennt sich Propriozeption.

Das Gehirn vergleicht all diese Informationen innerhalb weniger Millisekunden und entscheidet, welche Muskeln etwas mehr oder weniger arbeiten müssen. Dadurch entstehen die vielen kleinen Ausgleichsbewegungen, die uns aufrecht halten.

Wie wichtig dieses Zusammenspiel ist, lässt sich einfach ausprobieren. Im Einbeinstand liefern die Augen einen grossen Teil der Orientierung. Ohne die Orientierung über die Augen muss sich der Körper stärker auf das Innenohr und die Rückmeldungen aus Füssen und Gelenken verlassen.


Wackeln bedeutet, dass das Gleichgewichtssystem arbeitet

Beim Balancetraining geht es deshalb nicht darum, möglichst ruhig zu stehen. Entscheidend ist, wie gut der Körper auf kleine Schwankungen reagieren kann.

Jede Gewichtsverlagerung liefert neue Informationen an das Nervensystem. Diese werden verarbeitet und unmittelbar in kleine Muskelaktivitäten umgesetzt. Genau dadurch bleibt das Gleichgewicht erhalten.

Das Ziel ist also nicht, das Wackeln vollständig zu vermeiden, sondern die Fähigkeit zu verbessern, es immer wieder auszugleichen.


Warum der Untergrund so wichtig ist

Bei jeder Balanceübung versucht der Körper, den Körperschwerpunkt innerhalb der Standfläche zu halten. Auf einem festen Boden gelingt das mit relativ kleinen Korrekturen.

Wird der Untergrund instabil, verändert sich die Standfläche ständig. Rezeptoren in der Fusssohle, den Bändern und Gelenken senden laufend neue Informationen an das Gehirn. Dieses passt die Muskelspannung innerhalb von Millisekunden an, damit das Gleichgewicht erhalten bleibt.

Eine Airex-Matte oder eine ähnlich instabile Unterlage macht sich genau diesen Effekt zunutze. Die Übung verändert sich kaum, die Anforderungen an das Gleichgewichtssystem hingegen schon.


Die Schwierigkeit lässt sich einfach anpassen

Für ein gutes Balancetraining braucht es keine grosse Auswahl an Übungen. Der Einbeinstand ist dafür ein gutes Beispiel. Auf festem Boden bildet er die Grundlage. Anschliessend kann die Schwierigkeit Schritt für Schritt erhöht werden.

Eine weiche Unterlage fordert die Fussmuskulatur stärker. Eine schmalere Standposition verkleinert die Standfläche. Langsame Kopfbewegungen verändern die Informationen aus dem Gleichgewichtsorgan. Werden die Augen geschlossen, gewinnt die Tiefensensibilität zusätzlich an Bedeutung.

Auch kleine Zusatzaufgaben verändern den Trainingsreiz. Einen Ball von einer Hand in die andere werfen, einen Gegenstand vom Boden aufheben, einen Ball mit einer zweiten Person hin- und herwerfen oder während des Einbeinstands einfache Kopfrechenaufgaben lösen fordert das Gehirn zusätzlich, während das Gleichgewicht erhalten bleiben muss.

Wer gerne draussen unterwegs ist, findet ebenfalls viele Möglichkeiten. Waldwege, Kies, Wiesen oder andere unebene Untergründe stellen das Gleichgewichtssystem vor ganz andere Aufgaben als ein glatter Hallenboden oder Asphalt.


Balance gehört in den Alltag

Balancetraining braucht keine langen Trainingseinheiten. Ein paar Sekunden auf einem Bein beim Zähneputzen, barfuss durch den Garten gehen oder beim Spaziergang bewusst unterschiedliche Untergründe wählen setzt bereits wertvolle Reize. Solche kleinen Übungen lassen sich ohne grossen Aufwand in den Alltag integrieren und können regelmässig wiederholt werden.


Fazit

Gute Balance entsteht nicht in den Momenten, in denen nichts passiert. Sie zeigt sich immer dann, wenn der Körper auf Veränderungen reagieren muss.

Vielleicht ist genau das das Spannende am Gleichgewicht. Es entsteht nicht durch Stillstand, sondern durch Bewegung. Jeder kleine Ausgleich bringt den Körper wieder zurück in die Balance.

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